„Ich arme Sau“ oder „der Mehrwert des Klinefelter-Syndroms: KS lohnt“ !

(Dirks Gespräch mit Peter nach seinem Interview mit Jasmin Walti)

Peter: „Dadurch, dass ich keine normale Familie gründen kann, erlebe ich meine Situation manchmal viel freier“. Würdest du das als deinen Satz unterschreiben?

Dirk: Ja, das wird  gerade nochmal deutlicher, jetzt in unserem Austausch. Ich hab in dem Interview plötzlich so einen Mehrwert gespürt: Ich hab auf einmal Dinge so enorm positiv gesehen. Bei Licht gesehen ist das ein unglaublicher Luxus, wenn man sich außerhalb dieser gesellschaftlich begründeten Fruchtbarkeitstänze aufhält. Das ist natürlich in den jeweiligen gerade laufenden Lebenssituationen nicht immer lustig.
Wenn gefühlt 98 % deiner Freunde und Freundinnen auf Familie abschwenken und du bist außen vor und du gehörst nicht dazu, du hast niemanden, der mit dir nachts um die Häuser oder auf Partys oder auf Demos geht, weil die alle ihren Fruchtbarkeitsritualen fröhnen oder gänzlich beschäftigt sind mit deren Ergebnissen.
Aber jetzt – 40 Jahre später – wird mir klar, es hat sich als kolossaler Gewinn herausgestellt. Mir wird deutlich, dass ich ein absolut geiles Leben gehabt habe, – oder immer noch habe. Und das ist mir im Interview nochmal so deutlich geworden, hat mich total gefreut!
Natürlich gabs auch so dieses „Aua!“, gerade in den Anfängen dieser Zeit, mit diesen Paarverschlüssen, wenn die Freunde alle in den Familien abtauchen, das macht dann was mit dir. Und in dein Selbstbild „Mann“ streut es auch so diverse Fragezeichen.
Oder der Zweifel, wie findet man überhaupt noch mal eine Frau, eine Partnerin, die keine Kinder haben will, das poppt unübersehbar immer wieder auf. Man sondiert dann auch anders.
Aber jetzt so mit dem Abstand betrachtet muß ich sagen: also, KS lohnt! (grinst breit ;-))

Peter: Oh, super, Dirk, das meine ich damit: das ist hier ein echter Erfahrungsbericht! Es freut mich, weil diesen Aspekt, den find ich so klar beleuchtet gar nicht auf eurer Seite und den ganzen Veröffentlichungen.
Dieses Statement – provokant formuliert – „KS lohnt! Das hat mir sehr geholfen, das sollte jeder haben!“ Wenn man damit lebt, dann ist das ja hier und jetzt als deine authentische Aussage belastbar! Das ist dein höchsteigenes Verhältnis dazu, was in deinen Erinnerungen erlebbar wird. Das ist ein super Erfahrungsbericht! Mit dem wird klar, aus dem können alle Nutzen ziehen.
Wir alle erfüllen Ansprüche, die gar nicht unsere eigenen sein müssen, die aber alle gesellschaftlich gepolt sind – und das ist auch evolutionär wichtig – Leben weitergeben, Familie, nächste Generation auf den Weg bringen usw., und dann? … dann leiden wir wie Hund, wenn das nicht so kommt. Und jetzt sagst du genußvoll: Es gibt ein glückliches Leben mit Klinefelter! Auch so geht ein glückliches Leben!

Dirk: Weißt du, wir kamen so darauf: womit ich immer ein großes Ding hatte, ist etwas, was ich vom Arzt höre, von meiner Herkunftsfamilie – ich bin zu langsam oder ich mach es nicht so, wie mein Vater es gerne gesehen hätte – ich entspreche nicht der Norm, du kannst es nie recht machen. Das macht ja was mit einem. Aber auf der Nicht-Klinefelter-Seite macht das eben auch deutlich, im Grunde genommen kann das ja keiner, wir sind ja alle Individuen mit Schwächen und Stärken. Nur uns wird gesagt, wir würden neben der Spur fahren.

Peter: OK, es geht also darum, sich des Glückes bewußt zu werden?

Dirk: Klingt gut 😉 Ich spinne mal weiter: … und sich dann den Familiendruck anzugucken, genauer zu schauen, wie Leute das Kästchen-Spiel mit all den Entbehrungen vom Vater-Mutter-Kind-Spiel erhobenen Hauptes verlassen haben. Und ob es andere neue Entwürfe gegeben hat, kann man gucken.

Peter: Oder Entwürfe, wie ihr sie in eurer Gruppe erfinden könnt, mit dem Wissen, dass bei den nichtfamiliären Entwürfen anzudocken und Maß zu nehmen eine schon mal gelebte glückliche Variante ist.